Reisebericht zur Fahrt nach Rumänien, in den Norden, nach Siret, einer Kleinstadt an der ukrainischen Grenze vom 05.08.2017 bis zum 11.08.2017 – mit Silke, Michael. Heinz und Renate

Zuallererst fand die Beladung des LKW in Haarbrücken statt, gemeinsam mit vielen Hilfskräften, und vor allem mit Unterstützung der gesamten Familie Wagner, bei guter Verköstigung. Der Arbeitsaufwand der Familie war wie schon in den Jahren vorher immens: die vielen Pakete, die gepackt werden mussten; die Marmelade, die gemischt und erneut aufgekocht wurde; die zum Teil vergilbte Wäsche, die von Frau Wagner gewaschen wurde, denn sie weiß: in Rumänien haben die Menschen oft keine Waschmaschinen, und oft nicht einmal Waschpulver.

Aber auch, wenn viele Helfer mit einpacken, die absolute Hauptarbeit bleibt an Silke und ihren Eltern hängen. Hier muss ein großes DANKE für diese ehrenamtliche Tätigkeit ausgesprochen werden.

Bei unserer Fahrt half diesmal auch der rumänische Fahrer bei der Beladung des LKWs mit. Bei vergangenen Fahrten war das leider oft nicht der Fall.

Samstag, 05.08.2017

Die Abfahrt begann am Samstag, den  05.08.2017, um 18.00 Uhr. Wir fuhren zunächst über Nürnberg in Richtung Regensburg (20:00 Uhr).

Unterwegs lasen wir Hinweise auf den Römerschatz von Straubing, die Walhalla, den Bayrischen Wald und dem Kurort St. Engelmar.

Ankunft in Deggendorf um 20:40 Uhr. Nach Deggendorf erreichten wir die Isarmündung. Bis Passau ist es von dort aus noch ca. 50 km.

Es folgen die Abtei Niederaltdeich, mit der Überquerung der kleinen Ohe. Die Donau haben wir bis nach Siret fünf Mal überquert.

Anschließend ein Hinweis auf „Pulmann City“, die Westernstadt bei Vilshofen.

Unsere erste Pause fand auf dem Rasthof Donautal um 21:30 Uhr statt. Danach folgte die Weiterfahrt nach Passau bei Dunkelheit. Von dort aus waren es noch 100 km bis Linz in Österreich.

 

Sonntag, 06.08.2017

Am Sonntag, den 06.08.2017 erreichten wir Wien nachts um 00:30 Uhr, wo alles leuchtete und funkelte. Die Grenze zu Ungarn überschritten wir eine halbe Stunde später, um 01:00 Uhr nachts. Vignetten-Kauf war immer an Grenzbuden vor Ort (vorher ist das leider nicht möglich).

 

Von der Grenze Österreich-Ungarn sind es 227 km bis Budapest. Ankunft dort war um

03:30 Uhr. Bei der Fahrt durch Budapest konnten wir sehr schöne alte Häuser aus der Kaiserzeit der Habsburger sehen, und während der  Donauüberquerung zwischen den Stadtteilen Buda und Pest leuchteten wunderschöne Laternen entlang der beiden Ufer. Auch die Fischerbastei war gut zu erkennen.

 

Den Grenzübergang von Ungarn nach Rumänien bei Debrecen im Hinterland mussten wir suchen. Wir wollten so eine Abkürzung nehmen. Einen Vorgeschmack auf die schlechteren Straßen in Rumänien erhielten wir schon hier. Erneuter Vignettenkauf nun bei der Einreise nach Rumänien.

 

Für mich überraschend war, dass es in Rumänien keine Autobahnen gibt. Auch kommt man wegen der holprigen Straßen nur langsam voran. So benötigten wir vom Grenzübergang Ungarn – Rumänien bis zu unserem Zielort Siret in Rumänien quasi noch einmal genauso lange wie von Neustadt bis hierher.

 

Ich stellte fest, dass die älteren Häuser in den kleineren rumänischen Orten überwiegend nur eingeschossig mit Walmdach sind. Dazu kommt generell immer ein Garten, in dem die Leute Gemüse und Obst anbauen.

In den Städten gibt es auch mehrstöckige Wohnhäuser; wiederum überwiegend sehr schlechte Straßen und viel  Verkehr – ganz Rumänien scheint auch am Wochenende unterwegs zu sein. Wir konnten etliche Hochzeitspaare und -gäste vor den Kirchen sehen.

Die Rumänen gehören mehrheitlich der orthodoxen Kirche an (Doppelkreuz als Symbol), eine weitere große Glaubensgemeinschaft bilden die Katholiken, und nur ein geringer Teil der Leute ist evangelisch. Auch stehen wunderschöne Kirchen in den Orten. Die reiche Ausstattung war für uns in der katholischen Kirche von Siret zu sehen, sowie in den Klöstern, die wir später besuchten.

Die Wegstrecke konnte ich bei der Hinfahrt nicht genau ausmachen, denn erst auf der Rückreise war es mir möglich, eine Landkarte zu kaufen. Doch Dank unseres zuverlässigen  NAVI namens „Hildegard“ fanden wir unseren Weg.

 

Die Fahrt durch die Ostkarpaten war landschaftlich sehr schön. Das Gebirge wirkt mild und lieblich durch den schönen Laub- bzw. Mischwald, und damit nicht annähernd so düster wie der Schwarzwald oder Thüringer Wald mit ihren Nadelbäumen.

 

Unterwegs sahen wir erneut sehr schöne Orte mit Häusern, die mit ihren vielen Türmchen wie kleine Schlösser aussahen.

Diese Prachtbauten gehören den Zigeunerclanchefs, die leider sowohl Kinder als auch Erwachsene zum Betteln und Stehlen gezielt in europäische Städte schicken.

 

Persönliche Anmerkung:

Ein Hinweis unterwegs auf Constanza mit weiteren 800 km Entfernung erinnert mich an meinen Großvater Erich Baumann, verstorben 1937, der im 1. Weltkrieg in Constanza einen roten Teppich gekauft hat. Dieser Teppich zeigt in der Mitte einen schwarz eingewebten Reiter auf einem Pferd, der den Krummsäbel erhebt, um dem am Boden liegenden Mann den Kopf abzuschlagen. Dieser Mann wiederum fleht um Gnade.

Diesen Teppich hat mein Großvater damals im Zug von Constanza mit nach Hause nach Thüringen (Görsdorf) gebracht. Anschließend wurden vom damaligen Dorfschmied Ringe angefertigt und der Teppich an einer Stange im Hausflur als Wandteppich aufgehängt. Leider habe ich den Teppich nie persönlich sehen können, da er sich bei der Grenzöffnung 1989 und meinem damaligen Besuch in dem alten Haus meiner Großeltern dort nicht mehr befand.

Mir wurde erst jetzt wirklich klar, was es bedeutet haben muss, zur Zeit des ersten Weltkriegs einen Teppich aus Costanza bis nach Thüringen zu bringen. Es muss aufgrund der großen Entfernung ein wahnsinniger Aufwand gewesen sein, und ich weiß gar nicht, wie mein Großvater das bewältigt hat.

 

Zurück zum Bericht: Durch die Karpaten führt eine Straße mit vielen Kurven und steilen Spitzkehren, sowohl nach oben als auch auf der anderen Seite wieder nach unten. Das Schlimme daran: jeder große LKW muss auch diese Strecke nehmen. Nach zwei Kehren waren nur noch die Baumwipfel erkennbar, so hoch oben waren wir schon. Es ging dann auf der anderen Seite der Berge ganz steil wieder nach unten – getrennt vom Abgrund war unsere Straße nur durch eine Leitplanke.

Wir fuhren im Anschluss weiter in Richtung Baja Mare (Name der Stadt und des Flusses); heimwärts wählten wir einen anderen Weg, weiter südlich, um die steilen Karpaten etwas zu umgehen.

 

Die Karpaten bieten jedoch eine atemberaubende Kulisse. Am Hauptkamm steht die Burg Dracula (Skigebiet), und ganz in der Nähe befindet sich ein Ferienlager der Johanniter.

 

An Ausweichstellen am Straßenrand verkauften Bauern, die teilweise aus der Ukraine über die nahegelegene grüne Grenze kommen, Beeren und Pilzen – man kann sich vorstellen, dass diesem Verkauf ein mühseliges Sammeln voraus geht, und man damit nicht das große Geld macht.

 

Wir überholten unterwegs auch viele Pferdefuhrwerke, mit denen die Leute die Ernte einbrachten.

Im Gelände sah man auch, wie Heu auf Gestängen aufbewahrt wird (ähnlich einer Glocke), daneben standen Silo-Ballen.

Die Ernte war, bis auf den Mais, bereits eingebracht, und es standen noch viele Sonnenblumenfelder.

 

Die schwarze fruchtbare Erde sah man auch deutlich, sobald ein Feld frisch geackert wurde. Einmal suchten etwa 20 Störche dort nach Nahrung.

 

In den Ausläufen der Karpaten lagen die Hügel abgeholzt da, und wirken damit nackt und bloß. Es waren Linien in der Landschaft erkennbar und meiner Ansicht nach handelte es sich dabei um Steinmauern, die gesetzt worden waren, um der Bodenerosion entgegen zu wirken.

 

Wir kamen schließlich gegen 18:30 Uhr im Dominikanerkloster in Siret an und wurden dort sogleich herzlicher von den Nonnen empfangen. Kurz vor unserer Ankunft war eine Ablösung des alten durch einen neuen Pfarrer erflogt, mit Bedauern mussten wir jedoch hinnehmen, das sich dieser uns weder vorstellte, noch begrüßte.

Nach der Begrüßung wurden wir zu einem sehr guten Abendessen eingeladen und sehr gut untergebracht.

Gut zu wissen: Nach einem kleinen Kneipenbesuch merkte ich, dass die Bezahlung in Euro in Rumänien nicht möglich ist, auch in Ungarn nicht. Die Landeswährungen sind Forint und Lei und ein Geldumtausch ist nötig. Weiterhin muss die Uhr wegen der Zeitverschiebung in Rumänien um eine Stunde vorgestellt werden, und rumänische fünf  Minuten entsprechen in etwa einer deutschen Stunde.

 

Montag,  07.08.2017

Frühstück um 09:00 Uhr und der LKW wird erwartet.

Wir erfahren, dass das Kloster einen Kindergarten mit 16 bis 18 Kindern hat, jedoch waren gerade Ferien, und die Kinder damit zuhause. Viele rumänische Eltern arbeiten und leben im europäischen Ausland und lassen ihre Kinder deshalb bei Nachbarn oder Verwandten zurück, wo diese dann aufwachsen. Leider bleiben manche Kinder dann auch allein.

 

Vor dem Kloster steht ein Rohbau, dessen Fertigstellung wegen Geldmangel leider eingestellt werden musste. Geplant war, dort Kinder mit Behinderung dauerhaft aufzunehmen. Behinderte Menschen werden in Rumänien oft abgeschoben bzw. abgegeben.

In Siret gibt es angeblich bereits ein Behindertenheim, jedoch sollen dort schlimme Zustände herrschen. Der Zugang zu diesem Heim soll gesperrt sein, und es ist damit kein Besuch möglich. Es hieß, Behinderte würden dort fixiert.

 

Unsere englisch-sprachige Nonne, die uns täglich begleitete und uns tatkräftig und gastfreundlich zur Seite stand, arbeitet derzeit in Florenz in der Frühförderung behinderter Kinder. Gerne würde sie ihren Arbeitsplatz nach Rumänien verlagern, um dort zu helfen.

 

Der LKW kam erst am nächsten Tag an, also am Dienstag, obwohl die Ankunft bereits für Montag vereinbart war. Silke hatte versucht die Spedition ausfindig zu machen, um der Verzögerung auf den Grund zu gehen. Dank unserer Dolmetscherin Theresa konnten wir schließlich mit dem LKW-Fahrer telefonieren: er hatte unterwegs Halt zuhause bei seiner Familie gemacht, weshalb er erst einen Tag später bei uns in Siret ankam.

 

Der Arzt, der aus dem Süden nach Siret gekommen war, wartete bereits auf die Krankenstühle und die Hilfspakete aus der Lieferung. Ihn begleitete noch ein weiterer Mann, der inhaftierte rumänische Jugendliche betreut. Silke händigte ihm Bälle aus, damit er zukünftig sein Sportangebot für diese Jugendlichen erweitern kann.

 

Mit einem Sozialarbeiter der Stadt Siret besuchten wir ein Altenheim. Dort trafen wir eine deutsch sprechende Angestellte und konnten auch mit ihr sprechen. Wir besichtigten außerdem die Räumlichkeiten, wobei wir feststellten, dass es nur eine normal große Haushaltswaschmaschine gab und in den Regalen nur wenig Wechselwäsche lag.

 

Wir fotografierten auch eine ältere Frau, die dem Personal des Altenheims angehörte, beim Kartoffeln schälen. Sie wurde scherzhaft die „Kartoffelkönigin“ genannt, lachte, als sie uns sah,  und freute sich offensichtlich sehr über unseren Besuch. Wir berichteten über unsere Wäsche- und Kleidungslieferung an das Kloster, damit auch das Altenheim sich dahin wenden konnte.

 

Am Nachmittag besuchten wir zwei Klöster, eines in Bogdana /Rädäuti und eines in Sucevita, „Kloster Mänastrea“.

Auch besuchten und besichtigten wir die Manufaktur  „MARGINEA/Ceramica“ (= „schwarze Keramik“) und erhielten dort jeder ein Oster-Dekorationsgeschenk aus dem typischen schwarzen Ton mit eingraviertem Namen.

 

Auffallend war, dass die Kirchen der Klöster alle sehr reich ausgestattet sind. Wir sahen Bilderfolgen zu den Jahreszeiten, über das Leben Jesu und zu verschiedenen Heiligen. Auch an den  Außenfassaden befanden sich große Gemälde, wie die Himmelsleiter und die vielen Menschen, die mit hinauf klettern wollten.

Innerhalb von 10 Monaten sollen 413 Bilder gemalt worden sein, so erzählte man uns. Wir fragten uns, wie das möglich ist.

 

Bei den Klöstern handelte sich um ein Männer- und ein Frauenkloster. Beide waren orthodox.

 

Uns wurden die Bilderfolgen und Gemälde ausführlich erklärt, wobei die Übersetzung unserer Dolmetscherin Theresa einmal bei uns zu großer allgemeiner Erheiterung geführt hat. Sie übersetzte nämlich “Mose“ fälschlicherweise mit „Mäusen“…

 

Im angrenzenden Museum waren sehr wertvolle Monstranzen, Kelche, Bücher, Messgewänder  unter Glas ausgestellt. Alles war sehr alt und stammte aus dem 15. und 16. Jahrhundert.  Ein  Messgewand war sogar aus Seide und mit Gold und Silberfäden aufwendig bestickt.

 

Zu Abend aßen wir in einem Restaurant. Bezahlen mussten wir auch hier wiederum nichts.

 

Dienstag, 08.08.2017

Der LKW kam an, wurde entladen und damit das Kloster „verwüstet“. Vorher war alles sehr sauber. Der Raum zur Lagerung war leider zu klein, und die Nonnen hatten zunächst nur zwei Helfer. Glücklicherweise konnten schnell weitere junge Leute organisiert werden.

Der Arzt erhielt endlich seine Krankenstühle. Sie stammten vom Münchener Flughafen und dienten dort müden und eventuell auch behinderten Passagieren. Es war so viel, dass er mit seinem Auto noch ein zweites Mal in der Nacht kommen musste, um den Rest aufzuladen. Glücklicherweise half ihm unser LKW-Fahrer dabei und gab ihm auch die für ihn vorgesehenen Pakete. Der Arzt plant mithilfe unserer Lieferung eine mobile Krankenstation einzurichten, um anschließend auch entlegene Dörfer anzufahren, um dort medizinische Hilfe zu leisten.

Wir konnten ihm leider in dieser Nacht nicht mehr helfen, da wir gegen Mitternacht tot müde ins Bett gefallen waren.

 

Der LKW-Fahrer selbst hat uns um ein Fahrrad gebeten, und um einen Rollstuhl, für seinen behinderten Neffen. Für seine Unterstützung hat er von Verein weiterhin 50 Euro erhalten.

 

Die jungen Helfer, die beim Ausladen halfen, nahmen kein Geld von uns. Sie waren sehr clever und orientierten sich schnell an der Beschriftung der Kartons. So konnten wir alles gleich nach Rubriken im Raum verteilen. Doch wir wussten zuerst nicht mehr, wofür „P“ steht: es stand für Plüschtiere…

 

Nachmittags fuhren wir mit einer englisch-sprachigen Nonne und einem Sozialarbeiter an den Stadtrand von Siret. Die Teerstraße war hier zu Ende und es wurde staubig. Wir trafen auf eine alte Frau, die aber leider überwiegend nur verdorbenes Gemüse, Kartoffeln, und Zwiebeln bei sich trug. Sie hatte es von Markthändlern geschenkt bekommen und wollte es nach Hause bringen. Von uns erhielt sie Lebensmittelpakete. Wir besuchten auch Ihre behinderte fünfunddreißigjährige Tochter, um die sie sich alleine kümmern muss, und sahen ihr Haus. Sie waren sehr arm, hatten keine Toilette, kein fließendes Wasser, und keine Matratze im Bett liegen, sondern nur Bretter. Im Hof lagen Baumstämme, vielleicht gedacht zum späteren Schüren des Ofens. Mir fiel auf, dass an ihrem Haus außen auch nur grobe Bretter angebracht waren, und auch der Bretterzaun um das Grundstück herum bestand nur aus diesen groben Brettern – alles sehr einfach. Eingeweichte Bettwäsche lag in schmutzigem  Wasser, und musste in dieser Form viel zu schwer sein für das Auswaschen von Hand.  Sie hatte leider keine Hilfe, und kam nur ab und zu den Nonnen, um mit ihnen zu sprechen. Als Dank für unsere Hilfe küsste sie uns die Hand, auch mir – sehr bewegend.

 

Arm und Reich leben in Rumänien nahe beieinander, leider ohne sich gegenseitig zu helfen. Laut unserer Dolmetscherin Theresa war das früher in Rumänien nicht so, sondern man half sich gegenseitig, doch seit der Revolution sei jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht.

 

Zwei Kinder kamen zum Kloster, 13 und 9 Jahre alt. Sie erhielten von uns zwei Fahrräder, einen Fußball, eine Puppe und ein Lebensmittelpaket. Sie wirkten schüchtern, und dachten großherzig aber auch gleich an ihre jüngeren Geschwister zuhause. Die Puppe sollte die kleine einjährige Schwester bekommen, und für das Baby wählten wir ein Rutschauto aus.

 

Was mich erstaunte: der 13-Jährige nahm das Lebensmittelpaket auf den Rücken, und obwohl die Träger unangenehm einschnitten, machte ihm das nichts aus, und er ging so nach Hause. Er schien an derartiges Tragen gewöhnt zu sein.

 

Die beiden Kinder habe ich am nächsten Morgen in der Kirche wieder getroffen. Der Junge war Ministrant, das Mädchen hat etwas vorgelesen.

Die Kirche in Siret wurde vor etwa 200 Jahren von Deutschen erbaut, die dort in der Stadt lebten. Unter den Bildern an der Kirchenwand, die das Leiden Christi zeigten, waren auch deshalb Sätze in deutscher Sprache wie „Jesus am Kreuz“, „Jesus bekommt bittere Galle zu trinken“, etc., zu lesen.

 

Später besuchten wir den Friedhof. Hier findet man auch deutsche Gräber, mit Aufschriften wie „hier ruht in Frieden“ und Ähnlichem. Auf dem Grabstein eines 6-jährigen verstorbenen Kindes stand der schöne Text: „Der Herr brauchte einen Engel und nahm ihn zu sich.“.

Die letzten Verstorbenen Deutschen wurden hier etwa in den 1960er Jahren beerdigt.

 

 

Mittwoch, 09.08.2017

Gemeinsam mit der Nonne und dem Sozialarbeiter besuchten wir sozial schwache Familien.

 Die Teerstraße endete hier, es wurde staubig. Die Armut und Bedürftigkeit der Menschen wurde hier sehr deutlich.

 

Die erste Familie bildeten fünf Kinder. Sie lebten zusammen in einem sehr einfachen Haus, in dem es kein fließendes Wasser gab. Die Mutter sei schon länger verstorben, der Vater kümmere sich anscheinend nicht viel um die Familie. Es war ziemlich schmutzig hier. Sie besaßen eine Kuh und ein paar Hühner. Der große Bruder lag gelähmt im Bett. Zwei  Mädchen hatten bei einer Tante gearbeitet. Anscheinend taten sie das öfter, jedes Mal jedoch zum Nulltarif, also ohne Lohn, und auch Naturalien erhielten sie keine. Der Sozialarbeiter und Theresa sprachen mit ihnen, und Theresa schimpfte, wegen des Schmutzes. Auch die Wäsche, die auf der Leine hing, war schmutzig. Ein weiterer Bruder war behindert, ein jüngerer Bruder zeigte uns die Örtlichkeiten. Eines der Mädchen hatte anscheinend ein Baby gehabt, das ihr die Behörden aber weggenommen haben. Die Familie bräuchte dringend Unterstützung und Hilfe.

 

Die zweite Familie, die wir besuchten, war die Familie im direkt dahinter gelegenen Haus. Hier war es deutlich sauberer. Hier trafen wir auf eine sehr junge Mutter mit einem etwa eijährigen Kind. Ihrem Aussehen nach zu urteilen – sie war sehr dünn – , war die Mutter wesentlich jünger als die 21 Jahre, für die sie sich ausgab, wir wissen es aber nicht. Möglicherweise war der zweite Mann der Mutter der jungen Frau gleichzeitig auch der Vater des Kindes, und man versteckte ihn. Auch hier gaben wir Essenspakete ab und erzählten von unserer Hilfslieferung an das Kloster, wo sie sich weitere Dinge, die sie brauchten, holen könnten.

 

Das Haus der dritten Familie, die wir besuchten, war abgebrannt. Sie lebten deshalb im kleinen Haus der Großmutter der Familie, das nur aus zwei Räumen bestand. Dort bewohnte die Familie mit drei Kindern den einen Raum, die Großmutter den anderen. Der Vater sagte, er warte auf eine Arbeitsstelle, die ihm nach seinem Ermessen der Bürgermeister zuzuteilen habe. Die Mutter schien sehbehindert zu sein. Im Hof gab es lediglich einen Brunnen, also auch hier kein fließendes Wasser. Silke gab ihnen 50 Euro, Essenspakete, Kleidung und Schuhe.

 

In unserer vierten Familie sei der Ehemann nach der Arbeit und dem Aufenthalt in Italien psychisch krank zurückgekehrt. Diese Familie hatte drei Kinder. Der große Sohn arbeite auf dem Bau und unterstütze so die Familie, sagte man uns. Auch sie waren von Armut betroffen. Sie gießen ihre Beton-Pflastersteine zum Pflastern des Weges selbst, wie sie erzählten. Wir ließen hier ebenfalls Lebensmittelpakete zurück.

 

Auch in der fünften Familie, die wir besuchten, hatten das Ehepaar hat drei Kinder. Der Ehemann war auch hier krank (Rückenprobleme) und daher nur selten Arbeit. Die große Tochter sei autistisch, der jüngste Sohn habe eine Kopfverletzung gehabt.

Im Haus selbst war es sehr sauber, und der Garten war gut angelegt, mit Kartoffeln und Gemüse. Die Familie hatte dieses Haus auf Kredit gekauft und kann nun aber, wegen des fehlenden Einkommens, die Raten nicht mehr bezahlen. Sie sind deshalb von der Zwangsräumung bedroht.

Silke gab auch ihnen 100 Euro, Essenspakete, Kleidung und Schuhe. Es herrschte große Freude; die Leute küssten uns die Hand.

 

In der sechsten Familie muss die Rente der Oma zwei Familien ernähren. Der Vater ist schwerer Alkoholiker, und die Mutter versteckt deshalb seine Schuhe, um ihn davon abzuhalten, trinken zu gehen. Es helfe allerdings nicht wirklich. Die Mutter lebte und schlief gemeinsam mit den Töchtern in einem, der Vater im anderen Raum, wo er nachts auch randaliert.

Theresa, unsere Dolmetscherin, sprach die Mädchen auf Weiterbildung an. Sie können hier vielleicht etwas für sich erreichen, denn einen Laptop besitzen sie.

 

Am Nachmittag besuchten wir Familien in der Stadt. Es war eng hier, alles schien vollgestopft zu sein. Nach unserem Empfinden, werden die meisten Räume generell nur unzureichend gelüftet – leider.

Ein Elternpaar, das wir besucht haben, ist psychisch krank und so abwechselnd in der Klinik.

Wir verteilten Essenspaketen, Kleidung, Schuhe und Spielsachen. Es war wie auf einem türkischen Basar, aber die Kinder und Eltern freuten sich sehr. Später verteilten wir auch noch Obst.

 

Wir besuchten auch eine psychiatrische Klinik. Es gab dort auch einen medizinischen Behandlungsraum und es war sauber. Man erzählte uns, dass es den Bewohnern gestattet sei, sich gegenseitig zu besuchen, und dass eine Etage die Männer, und eine andere die Frauen bewohnten. Ein Kind wohne auch dort. Wir wurden von den Bewohnern freundlich an die Hand genommen und herumgeführt. Eine junge Frau wollte von mir an der Wange gestreichelt werden, und freute sich sehr, als ich das tat. Einige Bewohner dürfen regelmäßig auf den Markt gehen und dort einkaufen. Dafür bekommen sie ein kleines Taschengeld. Auf den kleinen Innenhof können sie auch nach draußen gehen.

Leider fehlten nach unserer Beobachtung jegliche weitere Beschäftigungsmöglichkeiten für die Bewohner und so schien ein sehr dicker Mann den ganzen Tag vor dem Haus zu sitzen und den Verkehr zu beobachten. Hier bräuchte es mehr Hilfe.

 

Ein Besuch des jüdischen Friedhofs gestaltete sich durch eine hohe Mauer schwierig. Den Eingang konnten wir nicht finden, doch zum Glück ist Heinz sehr sportlich und kletterte auf die Außenmauer, um die Grabsteine zu fotografieren. Auf der Außenmauer entdeckten wir außerdem ein Bild, der die Friedhofsgrabsteine zeigte. Auch ein alter Tiefbrunnen stand neben dem Friedhof.

 

Donnerstag, 10.08.2017

09:00 Uhr: Abfahrt nach Hause; einfache Strecke vor uns: 1600 km.

 

Auf dem Heimweg ging es zunächst nach Süden, Richtung Suceava, über die E58. Bis zum Ort Dej waren es 250 km.

 

Viele Flüsse, die in den Karpaten entspringen, sind hier nur noch Rinnsale, wie der Fluss Bukovat, der Fluss Humor, und der Fluss Suko.

 

Über die E576 Richtung Dej, mit dem Fluss Maldoiviuta, fuhren wir bis zum Ort Vama, Bistricva. Danach  weiter über Alad/Zelau zum Grenzübergang Oradea. Diesen Grenzübergang zu Ungarn erreichten wir erst am Abend um 20:00 Uhr.

Unterwegs gab es ein sehr schweres Gewitter. Die Fahrbahn Richtung Süden war deshalb kilometerlang gesperrt und es lagen abgerissene Äste auf der Fahrbahn. Die Polizei und das technische Hilfswerk waren im Einsatz. Wir hatten Glück, dass unsere Fahrbahn frei war, jedoch waren abgerissene Äste vom Wind von der Gegenfahrbahn bis auf unseren rechten Fahrbahnrand geschleudert worden. Sehr beunruhigend.

 

Freitag, 11.08.2017

Um 08:00 Uhr früh waren wir wieder zuhause. Die Fahrer Michael, Heinz und Silke waren die ganze Strecke über hervorragend gefahren. Die Fahrt an einem Stück empfand ich allerdings als sehr anstrengend. Ich denke, es sollte beim nächsten Mal spätestens in Ungarn oder nach dem Grenzübertritt zu Rumänien eine Schlafpause eingelegt werden, oder generell ein Flug gebucht werden.

 

Insgesamt war unsere Reise in jedem Fall aber eine Reise wert, denn unsere Hilfe in Form von Sach- und Geldspenden wurde von all den bedürftigen Menschen in Dankbarkeit und voller Freude angenommen.     

 

Auch wenn wir nur einen geringen Beitrag leisten konnten, um das Leid der Familien in Nordrumänien in der Gegend Bukovina um Siret zu lindern, so bin ich der Meinung, es lohnt sich doch.

 

 

Bilder zum Transport finden sie hier: Zur Bildergalerie

 

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